Unser aupair hat sich kurz vor Weihnachten verabschiedet. Nach vier Monaten hatte wir ihm gekündigt, weil er offensichtlich nicht bereit war für irgendetwas die Verantwortung mit zu übernehmen. Jetzt hat er uns vorzeitig verlassen, um eine neue Familie zu finden. Wir hatten ihm dazu geraten, aber er wollte heim nach Russland. Dann wollte er am besten sofort zurück - wir buchten für ihn um. Eine Woche vor dem Abflug wollte er nur noch möglichst schnell eine neue Familie finden und verschwand zu einer aupair-Agentur, die ihm bei der Vermittlung behilflich sein wollte. Zurück blieb eine ratlose Familie mit einem ungeplanten Sonderurlaub, um die Kinderbetreuung sicherzustellen.
Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Genadi (Name geändert) studierte in einer russischen Großstadt Deutsch - seine Sprachkenntnisse waren ordentlich, der einjährige Aufenthalt in Deutschland hätte ihm sicherlich sehr gut getan. Nur leider enpuppte er sich für die eher praktischen Dinge einer aupair-Zeit las ausgesprochen ungeeignet. Genadi war ausgesprochen diskussionsfreudig und interessiert - solange es um Geschichte, Philosophie und andere eher intellektuelle Dinge ging. Bei den praktischen Aufgaben war es jedoch leider Fehlanzeige. Zunächst sperrte er sich aus und saß dann mehrere Stunden vor der Tür, da er auch sein Handy vergessen hatte. Dann ließ er gleich zweimal die Haustür sperrangelweit offen stehen. Das Bügeleisen wurde angelassen, Herdplatten ebenfalls. Zudem mussten wir ihm schon sehr deutliche Hinweise zur Hygiene geben.
Als er dann in der Kälte unserem sechsjährigen Sohn ohne Anorak zum Sport brachte riss unser Geduldsfaden. Ein klärendes Gespräch und die Kündigung folgte. Genadi hatte kein Einsehen. Dafür beschäftigte er sich ausgiebig mit sich selbst: Einen speziellen Stoffgürtel gegen das Vergessen hatte er sich aus Russland mitgebracht. Später kam eine Plasitktüte hinzu, die er immer bei sich trug - auch während der Arbeit. Diese Tüte sei für seine gerade Haltung wichtig. Die gerade Haltung war sein Hauptproblem. Die zwei bis dreistündige Kinderbetreuung am Tag war völlige Nebensache.
Zunächst war der Schminkspiegel im aupair-Zimmer dran. Genadi demontierte ihn und schleppte den Untersatz quer durch die Stadt, um beim Sprachkurs ein Podest für seinen Vortrag zu haben. Danach stellte er fest, dass sein Schreibtisch in europäischer Normhöhe zu niedrig war. Ich beschaffte ihm einen Aufsatz für seinen Computer. Dieser wurde mit Kissen umkleidet damit die Blutzirkulation in den Armen nicht unterbrochen wurde. Auch für die Sprachschule erstellte er sich einenb mobilen Tischaufsatz. Nun gut - er hatte einen leichten Spleen, der aber leider immer mehr in den Vordergrund rückte.
Die letzte Woche bei uns stand ganz im Zeichen der weißen Plastiktüte für die Haltung. Mit der Tüte in der Hand bügelte er gelegentlich, soweit es seine Befindlichkeit zuließ. Mit der Tüte in der Hand saugte er Staub, räumte auf und tanzte auf den Nerven meiner Frau herum. Sie sagte nur noch - akzeptiere die Tasche und frage nicht weiter.
Wie es jetzt weitergeht? Wir wissen es nicht. Es bleibt zu hoffen, dass unser spleeniger Russe eine neue Familie findet oder nach Hause reist. Sein Geld hat er ausgegeben. Auf das Geld, was er uns noch schuldet haben wir zunächst verzichtet, damit ihm seine letzten 50 Euro übrigbleiben. Die im Teleshopping bestellten Waren sind zurückgegeben und die Anrufe von Shopping-Hotlines werden hoffentlich bald weniger.
Zum Abschied fragte er dann noch gänzlich unbeeindruckt von unserer massiven Verägerung, ob er denn wiederkommen dürfe, falls es ihm bei der Vermittlung nun doch nicht gefalle.
Irre!
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